16.02.2018

Bäume an Straßenbaustellen

Baumschutz? Haben wir doch geregelt – oder? Der Baumschutz müsste heut´ zutage gar nicht mehr thematisiert werden. Im Falle der vereinbarten VOB und damit verbundenen technischen Vereinbarungen der VOB/C ist die DIN 18920 zum Schutz der Vegetation und Bäume bei nahezu allen Bauobjekten bindend vereinbart. ...oder?

Bau(m)stelle [Teil 1]

Schäden durch Baumaßnahmen im Allgemeinen

Werden im Rahmen einer Bau-Ausführung Schäden an Gegenstände verursacht, die nicht Bestandteil des Auftrages waren, dann wird in der Regel und völlig selbstverständlich ein Schadensersatz für diese Beschädigung verlangt. Warum gilt dies nicht für Bäume, die eine Straßenbaustelle flankieren? Immerhin liegt der Wert eines Straßenbaumes oft in Höhe mehrerer tausend Euro und bereits ein 50 %-iger Wurzelverlust kann einen 100 %-igen Schaden bedeuten.

Baumschutz? Haben wir doch geregelt – oder?

Der Baumschutz müsste heut´ zutage gar nicht mehr thematisiert werden. Im Falle der vereinbarten VOB und damit verbundenen technischen Vereinbarungen der VOB/C ist die DIN 18920 zum Schutz der Vegetation und Bäume bei nahezu allen Bauobjekten bindend vereinbart. Demnach weiß jeder Handwerker und jeder Tiefbauer, wann der Baumschutz zu berücksichtigen ist und wie im Einzelfall gearbeitet werden muss. Diese Norm legt genau fest, wann ein Schaden entstanden ist.

Diese fragwürdige These stelle ich bewusst vornan, denn die Realität sieht anders aus. Allzu oft erhalte ich bei Schadensfällen vor Ort die flüchtige Einschätzung: „...das war doch nur eine kleine Wurzel...“, „...der Kran braucht halt diesen Schwenkbereich...“ oder „...an dem Ditsch wird der Baum schon nicht eingehen...“. Der Hinweis zur verpflichtenden Handarbeit im Kronenraum wird zur Farce, denn demnach dürfte der Bagger an einer Allee zuhause bleiben. Und dass ein Kabelgraben im öffentlichen Raum unter einer Linde mit einem Stammdurchmesser von 50 cm tatsächlich in dem Bereich ab 6,30 m Stammentfernung in alle Richtungen, also rund 12 m von Hand geschachtet wird, habe ich in der Realität noch nie gesehen. Obwohl die Norm und viele Baubeschreibungen das so vorsehen!

Baumschutz oder Schadensbegrenzung

Vielfach sind bereits bei den Planern Defizite im Wissen um den Baumschutz festzustellen. So werden die Bretter um den Stamm als Baumschutz bezeichnet, obwohl diese Bretter den Baum nicht schützen, sondern lediglich den Schaden am Stamm vermindern. Bewertet man die gravierendsten Baum-Schäden, so wurden in den allermeisten Fällen der Wurzelbereich und danach die Krone durch den Baubetrieb beschädigt. Da der Stammschutz nun den `Baumschutz´ suggeriert, brauchen die Maschinisten im Kronen- und Wurzelbereich ja nicht mehr so aufpassen. An Straßenbaustellen müsste man daher gerade wegen der Stammverkleidung stets von einem höheren Schaden ausgehen.

Schwächen der derzeitigen Baumschutzregelungen

Die gültigen Vorschriften sind eine gute Basis, mit der die Bäume tatsächlich geschützt werden würden. So sagt die erstrangig anzuwendende Norm DIN 18920 beispielsweise aus, dass der Wurzelbereich eines Baumes, also die Kronentraufe zzgl. 1,50 m durch einen ortsfesten Zaun geschützt werden soll. Weiter schlägt die Norm vor, dass der zu schützende Bereich möglichst groß sein soll, wenn der gesamte Wurzelbereich aus platzgründen nicht geschützt werden kann. Bereits einen Satz weiter wird der Stammschutz in Ausnahmefällen beschrieben, wenn kein zu schützender Bereich vorhanden ist. 

– Ja was denn nun? –  Im Klartext wird der Baum besonders geschützt, wenn das nicht geht wird der Schaden minimiert und wenn auch das nicht geht, nehmen wir nahezu einen Totalschaden in Kauf und wollen nur noch den Stamm geschützt wissen. Die gleiche Logik findet sich bei kritischen Bodenaufschüttungen und bei besonders kritischen Gräben bzw. Abgrabungen. 

Es fehlt eine Erläuterung, welchen Mehraufwand ich zum Schutz eines Baumes in Kauf nehmen muss, also wann der höherwertige Baumschutz nicht mehr angewendet werden kann. Als Privateigentümer ist dies vielleicht noch relativ einfach, denn ich kann dem ausführenden Betrieb z.B. mitteilen, dass der Baum unter keinen Umständen Schaden nehmen darf. Im öffentlichen Bereich ist dies schwieriger, da der persönliche und emotionale Wert oft fehlt. 

Dem Bauleiter wird bestenfalls ein, nicht bezifferter, `besonders´ hoher Baumwert mitgeteilt. Er solle diesen besonders beachten, aber es fehlt der Hinweis, wie es praktisch umzusetzen ist und welche wirtschaftlichen Mittel er dafür zur Verfügung hat. Die Anmerkung verpufft vollständig, wenn an anderer Stelle vor steigenden Baukosten gewarnt wird. 

Die Baumwert-Methode

Da man den emotionalen, gestalterischen oder ökologischen Baumwert nicht objektiv mit dem ökonomischen Mehraufwand eines Baumschutzes vergleichen kann, ist ein gemeinsamer Nenner zu suchen. Soweit ich frühzeitig als Berater für Baumaßnahmen hinzugezogen werde, stelle ich zunächst nach einem einfachen, nachvollziehbaren Muster den Baumwert aller betroffenen Bäume fest und nenne diese Vorgehensweise die „Baumwert-Methode“. 

Es handelt sich um ein einfaches Prinzip, welches bei allen Baustellen funktioniert. Im Idealfall wird diese Methode von erfahrenen Baumsachverständigen an die Besonderheiten einer Kommune angepasst und in den lokalen Leitfäden und Dienstanweisungen für alle Baustellen eingearbeitet. Danach kann jeder Baumfachmann diesen Leitfaden anwenden und die Kommune darf zurecht behaupten, einen ausgewogenen, praktikablen und wirkenden Baumschutz zu betreiben.

Wenn man den Wert eines Baumes kennt, ist man auch bereit ihn zu schützen. 

Diese Aussage ist zwar richtig, aber die Idee der Baumwert-Methode geht wesentlich weiter. Es geht gar nicht darum, dass der Bauhofleiter eine weitere Schikane umschiffen muss, sondern diese Methode unterstützt die Verantwortlichen bei der Wahl der richtigen Entscheidung. Die kann am Ende auch in einer Fällung münden, wenn der notwendige Baumschutz im objektiven Vergleich unverhältnismäßig hoch ist!

Im Kern dreht sich alles um den Baumwert bzw. um die in Kauf genommene Baumbeschädigung und wenn man genau hinsieht, ist damit bereits alles geklärt. Denn mit der Kenntnis des Baumwertes kann der Planer einfach und zuverlässig entscheiden, denn mit diesem Hilfsmittel lässt sich der tatsächliche Sachwert oder Schaden in € mit dem Baumschutz-Aufwand in € vergleichen. 

Wie wird diese Methode umgesetzt?

Für die Anwendung der Baumwert-Methode sind im ersten Schritt die Werte aller betroffenen Bäume zu erfassen. Die Sachwertermittlung kann für jeden Baum individuell oder pauschal erfolgen. Auf Basis der Baumwertermittlung nach METHODE KOCH können Kommunen und andere Baulastträger zur Vereinfachung eine Art Katalog erstellen. Die Tabellen können an die besonderen Ansprüche der Kommune ebenso angepasst werden, wie an typische Situationen, Baumarten und Funktion. Im Kern muss diese Tabelle nicht gerichtsfest den exakten Wert nach Methode Koch für jeden individuellen Baum herausgeben, sondern lediglich einen verlässlichen Annährungswert. An besonders homogenen Alleen kann ein Mittelwert für alle Bäume im Einzelnen gelten.

Dieser festgelegte Baumwert wird mit den Planern und Ausführenden eindeutig kommuniziert. Bei großen Straßenbaustellen kann dies in einer verkürzten Tabelle geschehen, wenn die Bäume mehr oder weniger vergleichbar sind. Ebenso denkbar sind Baumwertinformationen in den Ausführungsplänen oder – auch das geht bei geringer Anzahl – der Baumwert wird mittels Sprühfarbe an den Baum notiert. 

Ein weiterer Punkt ist der erwartete Baumschaden. Diese Berechnung kann ebenfalls durch standardisierte Verfahren sehr einfach und flexibel angewandt werden. 

Bereits in der Planungsphase kann nun der zu erwartende Baumschaden einer Ausführungsvariante bewertet werden. Es kann deutlich werden, dass z.B. ein erhöhter Aufwand einer anderen Ausführungsvariante sehr viel kostengünstiger ist, als der zu erwartende Baumschaden der ersten Variante. 

Zwei Beispiele

Deutlich wird die Funktionsweise in einem Beispiel: Es ist im Straßenverlauf eine Erneuerung der Straßenentwässerung geplant. Die Straße ist in Richtung einer Baumreihe geneigt und die erste Planungsvariante sieht die Entwässerungsleitung an der Baumseite vor. Mit Hilfe der Baumwert-Methode werden Baumwert und erwartete Baum-Schäden durch diese Variante errechnet. Dagegen sieht ein zweiter Planungsentwurf die Entwässerungsleitung an der baumabgewandten Seite vor. Hier entsteht ein Mehraufwand durch längere Leitungen der Straßenentwässerung. Schlussendlich ist einfach die wirtschaftlichere Variante vorzuziehen. 

Ein weiteres Beispiel demonstriert die Schlagfertigkeit dieser Methode: an einem kleinen Brückenbauwerk stehen einige Straßenbäume. Eine ausführende Firma plant standartmäßig einen Baukran ein um die Baulogistik zu unterstützen und erklärt, dass die Bäume im Schwenkbereich gekappt werden müssen. Ein Blick in die Tabelle in Verbindung mit dem Baumwert zeigt, welcher Schaden dadurch am Baum entstünde und die ausführende Firma kann im Zweifel selbst entscheiden, ob diese Schadensersatzforderung, ein größerer Kran oder eine andere Transportvariante günstiger ist. 

Die Leitlinie

Die Baumwert-Methode ist der entscheidende Baustein, aber die Kontrolle und Überwachung der Bauausführung sollte ebenso geregelt und einem Leitfaden beschrieben werden. So kann ein Baumfachmann (z.B. FAW Baumpflege, ETT, o.ä.)  regelmäßig Bericht erstattet und alle Planabweichungen und Unregelmäßigkeiten dokumentiert. Er kontrolliert den geplanten Baumschutz und ist Ansprechpartner, wenn geplante Vorgänge nicht umsetzbar sind. Im ungeplanten Schadensfall kann er Sofortmaßnahmen ergreifen und kann im Extremfall die Statik einschätzen. 

Die ausführenden Firmen können den Baumwert und den potentiellen Baumschaden anhand der Ausführungsunterlagen erkennen. Wenn nun besondere Arbeitstechniken und damit verbundene Schadensminimierung vorgegeben werden, erkennt der Ausführende unmittelbar die Konsequenz, wenn er sich nicht an diese Vorgaben hält. Kostenintensive Wert- und Schadensgutachten werden i.d.R. nicht oder nur in Ausnahmefällen benötigt. 

Wichtigster Vorteil ist jedoch die deutliche Hemmschwelle vorschnell und fahrlässig den Baumschutz zu vergessen. 

Fazit

Über die Wichtigkeit des Baumschutzes wird oft gesprochen. Wie der aber genau funktionieren soll, müssen am Ende die Verantwortlichen vor Ort entscheiden, ohne überhaupt eine Vorstellung davon zu haben, was möglich, was übertrieben und was notwendig ist. Insbesondere der objektive Vergleich von emotionalen, ökologischen, gestalterischen und ökonomischen Belangen ist schwer.

Die Baumwert-Methode bringt alle Faktoren auf denselben Nenner und gibt dem Auftraggeber und dem Auftragnehmer eine verlässliche Entscheidungshilfe. In Verbindung mit einer professionell erarbeiteten Leitlinie wird der Baumschutz praktikabel, einfach und trotzdem sehr effektiv.

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