29.05.2018

Die richtige Schnittführung

Auf die Schnittführung ist bei der Baumpflege besonders zu achten, wenn lebende Äste entfernt werden. Die ZTV-Baumpflege (Regelwerksausschuss „ZTV-Baumpflege“, 2006) sollte als Pflichtlektüre für den Baumpfleger gelten. Aber auch andere Regelwerke beschreiben verschiedene Situationen plausibel in Bild und Wort.

Regel Nr. 1)

Als Astring bezeichnet man die stammnahe Verdickung des Astansatzes. Oft entsteht der Astring, wenn das sekundäre Dickenwachstum mangels Ressourcen im Ast reduziert ist. Der Astansatz bleibt jedoch gut versorgt und hebt sich im Querschnitt hervor. Oft beobachtet man dies an tiefen schattigen Ästen innerhalb der Krone, die nach wenigen Jahren absterben und nennt diese Wulst auch `Abschiedskragen´. Ist ein Astring erkennbar, kann sich eine Verthyllung oder Pfropfung ausgebildet haben und die Abschottung in axialer Richtung zum Stamm wird unterstützt. Außerdem ist der Astring gut versorgt und die Phase 4, also die Einkapselung der Schnittwunde wird durch Überwallung schnell erreicht.
Schnittregel: Damit erklärt sich, dass jede Verletzung an dieser Stelle unbedingt zu vermeiden ist. Der Schnitt wird mit kleinstmöglicher Schnittfläche rechtwinklig zum Ast, also schräg zur Baumachse ausgeführt.
Regel Nr. 2)

Wenn kein Astring erkennbar ist, wird die gesamte Versorgung über die Assimilate dieses Astes sichergestellt. Wird dieser Ast geschnitten, muss die Versorgung des Wundkambiums von der Baumseite erfolgen. Folgt man an dieser Stelle der Regel einer möglichst kleinen Schnittfläche, wird der untere Teil des Schnittes oft unterversorgt. Gut versorgt ist das Wundholz oft am Rindengrat. Bei leicht schrägen Schnitten erkennt man daher oft eine tropfenförmige Kallusbildung durch die gut versorgten oberen Wundbereiche und Kambiumnekrosen im Versorgungsschatten. Die ungünstige Phase 3 des CODIT-Prinzips, also die Ausbreitung der Fäule hält damit länger an und die günstige Einkapselung wird später erreicht.
Schnittregel: Der Schnitt wird parallel zum Stamm durchgeführt. Dabei sollte zwar stammnah geschnitten werden, den gut versorgten Rindengrat sollte man aber nicht anschneiden.
Regel Nr. 3)

Eingewachsene Rindenabschnitte neben oder oberhalb zu schneidenden Ästen können von vielen Bäumen dauerhaft nicht vollständig überwachsen werden. Dies liegt daran, dass der Wundrand im Bereich der eingewachsenen Rinde auch bei günstiger Schnittführung nicht versorgt werden kann. Durch den versuchten stammnahen Schnitt wird sehr häufig das Holz oberhalb des Astansatzes verletzt und es entstehen typische asymmetrische großflächige Wunden.
Schnittregel: Der Schnitt sollte in Abhängigkeit der Ausbildung möglichst stammnah und rechtwinklig zum Ast oder stammparallel durchgeführt werden. Eine Verletzung des Stammgewebes gegenüber dem Rindeneinschluss ist dabei unbedingt zu vermeiden.
Regel Nr. 4)

Um z.B. eine V-Zwieselbildung zu vermeiden wird von zwei gleichrangigen Ästen an einer Vergabelung ein Ast entnommen. Die Notwendigkeit dieser Schnitte ist stets genau zu prüfen, da dem Stämmling in der Form rund 50 % des nachfolgenden Kronenvolumens genommen wird. Bei Stämmlingen oder Starkästen, bzw. bei schlecht abschottenden Baumarten bei Grobästen über 5 cm Durchmesser sind Alternativen zu suchen. An größeren Schnittwunden bilden sich gegenüber dem verbleibenden Ast stets Versorgungsschatten. Durch die daraus resultierenden großflächigen Kambiumnekrosen, werden diese Schnitte selten vollständig eingekapselt und bedeuten eine dauerhafte und schwerwiegende Holzschwächung. V-Zwiesel müssen nicht zwangsläufig kritisch sein und sind bei manchen Ahornarten habitustypisch. Mit dem Ziel diesen `Defekt´ zu entfernen, kann ein dauerhafter und viel schwerwiegender Schaden angerichtet werden.
Schnittregel: Nur wenn eine vollständige Entnahme nicht vermeidbar ist, so hat der Schnitt abgeschrägt in Richtung des verbleibenden Astes zu erfolgen. Den Rindengrat sollte man dabei nicht verletzen. Vorbeugende ähnlich lautende Schnittmaßnahmen im Feinast oder dünnen Schwachastbereich bei der Jungbaumpflege sind i.d.R. eher unkritisch, sollten aber nach dem gleichen Muster durchgeführt werden.
Regel Nr. 5)

Mit dem Schnitt auf Zugast bzw. Schnitt auf Versorgungsast soll ein Ast stark reduziert werden ohne das Absterben durch Unterversorgung zu erzwingen. Diese Schnitttechnik wird eher in der Kronenperipherie oder im Schwachastbereich, z.B. bei statisch notwendiger Kroneneinkürzung angewendet. Oft beobachtete Schnitte im Grob- und Starkastbereich erinnert eher an Kappungen oder Kronensicherungsschnitte und der verbleibende Versorgungsast wird nicht selten deutlich zu klein gewählt. Die Astversorgung steht dabei auf dem Spiel und Kambiumnekrosen im Versorgungsschatten sind unumgänglich.
Schnittregel: Ohne den Rindengrat zu verletzen schneidet man den zu entnehmenden Ast schräg zum Zugast ab. Wichtig ist das Größenverhältnis dieser Äste. Der Zugast sollte im Durchmesser mindestens 1/3 vom Durchmesser des abzuschneidenden Astes aufweisen.

(Heiner Löchteken, derBauhofleiter 2016)

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