21.06.2016

Ross-Kastaniensterben - Wie können wir einen unserer schönsten Größbäume erhalten? (Kopie 1)

Die Meldungen häufen sich: „...kranke Kastanienallee wird aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt!“ Aber was ist dran, am landesweiten Kastaniensterben? Und wie weit sind prophylaktische Fällungen von ganzen Alleen überhaupt Sinnvoll und notwendig? Oder ist ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis der Öffentlichkeit und übervorsichtiges Halbwissen mancher Verantwortlicher weitaus gefährlicher für unsere Kastanien als die eigentlichen Krankheiten...

 

Fest steht, dass es die Ross-Kastanie mit dem wissenschaftlichen  Namen Aesculus hippocastanum L. seit einiger Zeit nicht einfach hat. Eine ganze Armada von Pathogenen hat es offensichtlich auf einen der schönsten Biergarten- und Alleenbäume Europas abgesehen. Dazu kommt, dass viele Kastanien dank der Kastanienminiermotte (Cameraria ohridella) oder der Blattbräune durch Pilzinfektion (Guignardia aesculi) bereits im späten Sommer braun werden und ihre Blätter somit recht früh im Herbst verlieren. Diese Schäden führen nicht unmittelbar zu Vitalitätseinbüßen. Eine Meldung über großangelegte Fällungen stoßen aufgrund der sichtbaren Blattschäden aber oft auf wenig Widerstand.

Die Kastanie ist im Balkan auf nährstoffreichen und tiefgründigen feuchten Gebirgswäldern beheimatet und wurde bereits im 16. Jahrhundert in Mitteleuropa eingebürgert. Als scheinbar idealer Biergartenbaum etablierte sich die Ross-Kastanie – die im Übrigen keine verwandtschaftlichen Verhältnisse mit der Ess-Kastanie (Castanea sativa MILL.) verbindet – im gesamten mitteleuropäischen Raum. Die oben genannten Blattschädlinge folgten ihrem Wirt erst zum Ende des letzten Jahrhunderts.

Den Bäumen setzte mit Industrialisierung die Oberflächenversiegelung und vor allem in den letzten Jahrzehnten der (eigentlich oft verbotene!) Streusalzeinsatz stark zu. Vielleicht sind dies aus biologischer Sicht sogar die gefährlichsten Pathogene! Es wird bis an die Baumscheibe gepflastert, gebaggert und Wurzeln werden verletzt, weshalb auch Pathogene wie z.B. der Brandkrustenpilz (Ustulina deusta) in den Baum eindringen können. Eine Fällung des einzelnen Individuums ist dann oft unvermeidbar. Ähnlich wird der Baum mit der Diagnose der Schleimflusskrankheit oder Wurzelhalsfäule (Phytophthora cactorum) von einem hinzugezogenen Sachverständigen auf eine Fällliste gesetzt.

All diese Pathogene betreffen in der Regel Einzelbäume! Eine Diagnose dieser Krankheiten würde keinem verantwortungsvollen Baumsachverständigen reichen eine ganze Allee prophylaktisch fällen zu lassen.

Anders gehen einige Grünflächenämter und Baumkontrolleure mit einem neuen, bakteriellen Erreger um. Das Rosskastanien-Sterben wurde 2007 erstmalig in Deutschland nachgewiesen und vom Bakterium Pseudomonas syringae pv. aesculi verursacht. Oft werden (bewusst oder unbewusst) Parallelen zur Humanmedizin gezogen und von ansteckenden Erregern gesprochen, die Nachbarbäume auch in Privatgärten anstecken würden. In Pressemeldungen werden vorsorgliche Fällungen ganzer Alleen bekanntgegeben, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, auch wenn der tatsächliche Ansteckungsweg und die Vektoren bis heute gar nicht bekannt sind. Die Verbreitung ist aber derart rasant, dass niemand ernsthaft an derartige Quarantäne-Maßnahmen glauben kann.

Die Notwendigkeit sofortiger Fällung infizierter Bäume besteht jedenfalls nicht aus Gründen der Verkehrssicherheit. Der Schaderreger kann eine Kastanie mit sichtbarem Schadbild zwar verhältnismäßig schnell zum Absterben bringen, die Bruchgefahr geht aber erst sukzessive von eindringenden Pilzen aus. Man muss europaweit in kurzer Zeit erwarten, dass es in jeder Allee oder Baumgruppe einzelne oder mehrere infizierte Kastanien geben wird. Reagiert man darauf wie vielerorts mit ausgedehnten Fällungen, rechnen einige Experten mit einem Aussterben der Art in wenigen Jahren!

Andersherum können genau die Exemplare, die innerhalb einer infizierten Allee eben nicht befallen wurden oder einen Befall überlebt haben, der Schlüssel zum Erhalt der Art sein. Dies ist aber wissenschaftliche Arbeit und muss von entsprechenden Fachleuten und Instituten begleitet werden.

 

Informieren Sie sich!  – bevor die Säge einen wertvollen  Genpool zerstört.

www.arborist-NRW.de

PDF

Informationen zur Krankheit vor allem vom

Julius Kühn-Institut (PDF) JKI (Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen)

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