06.05.2022

wo sind die Schmetterlinge hin?

In diesem Jahr wird der Eichenprozessionsspinner in NRW kaum wahrgenommen. Dieser Umstand hat sich bereits im Monitoring sehr frühzeitig abgezeichnet und dennoch sind zahlreiche Kommunen und Straßenbaulastträger, wie Straßen.NRW flächendeckend mit Bioziden gegen alle blattfressenden Raupen vorgegangen. Teilweise wurde das Gift mit Hubschraubern ausgebracht und in den Medien wird die tatsächliche Konsequenz des Handelns bewusst klein gehalten. Gern betonen die Verantwortlichen, dass der Wirkstoff aus dem Neem-Baum besonders schonend sei und ‚nur‘ blattfressende Raupen abtötet. Nicht erwähnt wird der Umstand, dass Eichen als Habitat für besonders viele Raupen und deren Fressfeinde dienen. Nach chemischer Raupenbekämpfung, darf man sich nicht wundern, dass die Blaumeise, die ihren Nachwuchs mit Raupen füttert, ebenfalls wegbleibt…

Eichenprozessionsspinner lassen sich nur unmittelbar im Austrieb zielsicher und separiert von Nichtzielorganismen bekämpfen. Da der Eichenaustrieb wie im Bild zu sehen von Eiche zu Eiche zeitlich sehr weit auseinanderliegt, müsste jede Behandlung baumgenau erfolgen – ein kaum lösbarer Aufwand!

In einem Versuch an 10 Objekten sind 40 EPS-Fallen genau nach Herstellerangaben angebracht worden. In die Falle tappten zwar einige Prädatoren, aber keine EPS. Lt. Hersteller sollten Pheromone die Raupen locken (Sexuallockstoffe für nicht adulte Insekten?). Später hieß es, dass besondere Eichenextrakte die Raupen anlocken sollten.

Die Klimaveränderung der letzten Jahre ist zweifelsfrei dokumentiert und kaum jemand wird dies abstreiten. Die Klimaänderung für eine Borkenkäfer- oder Raupenabundanz vorzuschieben ist populär und zurzeit ganz schickt. Vielleicht ist da auch etwas Wahres dran, aber möglicher Weise ist der Zusammenhang völlig falsch interpretiert, denn ‚Plagen‘ hat es immer gegeben.

Mir ist diese Feststellung deshalb so wichtig, weil ebendie Klimaveränderung als Vorwand genutzt wird, nunmehr ohne Monitoring mit Bioziden gegen eine heimische Raupe prophylaktisch vorzugehen. Ein Weg, der sicher in die Sackgasse führt – egal ob klimaabhängig oder nicht! Für triftig halte ich, dass der Biozid-Einsatz neben den Zielorganismen vor allem die natürlichen Gegenspieler kleinhält und – im Falle einer Abundanz – die natürliche Regulation stört.

 

Der Eichenprozessionsspinner

Die Population von heimischen Insekten ist keineswegs immer in gleicher Stärke vorhanden, sondern hängt stark von Witterung, Temperatur, von Nahrungsangebot und Fressfeinden (Prädatoren), sowie von vielen anderen Faktoren ab. Insbesondere bei Schädlingen fällt manchmal eine sehr hohe Populationsdichte (Abundanz) auf. Ganz natürlich grassieren, eben durch diese Abundanz, Krankheiten unter den Schädlingen und eine zu hohe Population einer Art fällt nach kurzer Zeit wieder in sich zusammen. Zugleich entwickelt sich die Population natürlicher Fressfeinde leicht verzögert hinterher und die Schädlinge sind kein Thema mehr.

Für den Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea) gilt die Populationsschwankung genauso. Ende der 90er, 2003-2004, 2011-2012 und zuletzt 2018-2019 beobachtete man eine Abundanz im nördlichen Ruhrgebiet und südlichen Münsterland, dazwischen war die heimische Raupe kaum ein Thema. Die frühen Gespinste bis etwa Mitte Mai sind völlig harmlos und bis dahin dienen die meisten Raupen den Prädatoren als Nahrung. Übrig gebliebene Puppen werden z.B. vom Großen Puppenräuber befallen und sichern das Überleben dieses wichtigen Käfers. Nur ein kleiner Teil der Raupen entwickeln sich zu Faltern und dient beispielsweise Fledermäusen als Futter. Sehr wenige verbleibende EPS-Falter legen letztlich Eier für die nächste Generation.

Bei einer beginnenden Abundanz mit sehr vielen Gespinsten sind die tatsächlichen und spürbaren Probleme für den Menschen noch unkritisch, denn die Nester hängen sicher im Baum und von den Brennhaaren lösen sich unbedenklich wenige. Das große Problem beginnt im ersten Folgejahr, wenn auf dem Boden liegende Gespinste durch Rasenmäher und Laubsauger aufgebrochen werden. Die Härchen verteilen sich über mehrere hundert Meter. Verständlich, dass genau mit der Gartensaison und einem beginnenden Juckreiz der Blick auf die neuen – eigentlich unbedenklichen Gespinste fällt. Der Ruf nach Präventivmaßnahmen wird laut – unwissend, dass der eigene Rasenmäher und nicht die diesjährige Raupe das Problem verursacht. Die „Nester“ müssen umgehend weg und bei der Behörde laufen Bürger Amok, wenn nicht sofort gehandelt wird. Wenn im Juli die ersten großen Verpuppungsnester am Baum hängen, gibt es kein Halten mehr. Niemand ärgert sich darüber, dass ausgerechnet jetzt Straßenbankette mit Mulchern gemäht werden und – damit alles schön sauber ist – das Schnittgut und die aufgerissenen Vorjahres-Nester von der Straße geblasen werden… - und kontaminiert einen Radius von 500 m mit Brennhaaren!

Gegen Hautausschläge und Atembeschwerden könnte man sehr leicht mit kaum einschränkenden Verhaltensregeln vorgehen, wenn z.B. die Bankettenpflege und Rasenschnitt unter Eichen in den Sommermonaten eingeschränkt würde, und der Laubsauger im Geräteschuppen bliebe. Aber das geht natürlich nicht!

 

Seit 2012 bleibt diese Raupe ein ständig präsentes Thema und ich beobachte teils wirre „Gegenmaßnahmen“, die mit fachlicher Kompetenz nicht erklärbar sind. Wenn Maisenkästen aufgehängt werden, aber zeitgleich die wichtigste Futterquelle für deren Nachwuchs (alle Raupen) mit Bioziden wie Bacillus thuringiensis (B.T.) mitsamt anderer Insekten-Arten vernichtet werden scheint es unwahrscheinlich, dass irgendjemand fachlichen Rat eingeholt hat. Wenn EPS-Fallen mit Pheromonen (!) an den Stamm gebracht werden, die jeder Logik widersprechen mag das auf den ersten Blick zumindest unschädlich sein. Wer die Biologie des Großen Puppenräuber als einen der wichtigsten Prädatoren kennt, weiß, dass dieser für seine Entwicklung – anders als die EPS-Raupe – den Baum verlassen muss und unweigerlich in Fallen, Leimringen, usw. endet.

 

Prophylaxe

Wenn die eingesetzten Mittel neben dem Zielorganismus auch Nicht-Ziel-Organismen schwächen, ist der Einsatz stets genau und im Einzelfall abzuwägen. So sehen es die einschlägigen Richtlinien und Gesetze für die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln ebenso wie für Bioziden vor. In der Praxis darf man in Frage stellen, ob Straßenbaulastträger, Kommunen und private Baumeigentümer diese Vorgabe einhalten, wenn präventiv alle „auffälligen“ Eichen behandelt werden. Kritisch ist insbesondere die irreführende, verharmlosende und rhetorisch geschickte Öffentlichkeitsarbeit, wenn die Prophylaxe mit Bioziden der Vorjahre als Erfolg gefeiert wird, ohne dass irgendein Monitoring vorliegt. Ich betreue über 600 Objekte, teilweise mit -zig Eichen und kann ohne Biozid-Einsatz dieselben Ergebnisse verzeichnen.

Ein übermäßiger Befall einer einzelnen Eiche, z.B. im Kindergarten oder Schule, kann im Austrieb durch ausgebrachte Nematoden sehr erfolgreich und ohne nennenswerten Schaden bei Nicht-Zielorganismen bekämpft werden. Diese nachts eingesetzten Verfahren sind für eine Eichenreihe entlang von Straßen aber schon deshalb ungeeignet und unverhältnismäßig, weil der Eichen-Austrieb von Baum zu Baum um Wochen differiert.

 

Sinnvolle Gegenmaßnahme

Einzig das Absammeln (saugen, infiltrieren oder brühen, … usw.) von EPS-Gespinsten ab Juni ist imstande, Belastung für den Menschen signifikant zu verbessern, weil das entfernte Nest im Folgejahr nicht mehr im Rasenmäher und CO. gelangen kann. Trotz dem sollten Rasenmäher, Bankettenmulcher und Gebläse im Sommer eher eingeschränkt unter Eichen eingesetzt werden. Die wichtigste Gegenmaßnahme ist jedoch eine geeignete Früherkennung und das Monitoring des tatsächlichen Befalls. Hier darf sich keine Grün-Abteilung auf irgendwelche Meldungen von Laien verlassen, die eher eine subjektive Befalls-Intensität darstellen. Zusammengetragene Rechnung der Nestbeseitigung können ein Missmanagement aufdecken – nicht aber die tatsächliche Population messen.  

Niemand kann heute sagen, ob die EPS-Population 2023, 2024 oder 2025 erneut explodiert. Wenn sich die nächste Abundanz im ständigen Monitoring abzeichnet, sollten die Verantwortlichen bereits frühzeitig im Winter mit der Aufklärung beginnen und die Grünflächenpflege für die zwei zu erwartenden Abundanz-Jahre auf geänderte Umstände anpassen.

 

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